Warum wollen wir immer das was wir nicht haben können und warum ist das was wir haben können zum „schlecht behandeln“ freigegeben?

Blog: Meine Welt – meine Gedanken - 16.08.2018
Aus aktuellem Anlass und intensiven Gesprächen geht es diesmal um ein Thema, dass viele kennen und sich aber selten trauen so auszusprechen, wie es doch eigentlich oft ist. Inspiriert durch ein Gespräch mit einer Freundin, die ihren Fokus auf einen Mann gelegt hat, der sie offensichtlich nicht als feste Freundin in seinem Leben sieht und das für sie kein Kriterium diesen trotzdem zu verehren, als hätte er täglich für sie zwei Schafe erlegt und Feuer gemacht, möchte ich mir nun für euch die Frage stellen, was da genau passiert.

Nun ja, als erstes muss man mal die Fakten aufzählen, die jede Frau wahrscheinlich schon mal gedacht, ausgesprochen und/oder gelebt hat. Wenn man so manche Lady nach ihrem Traummann befragt, ist nicht selten die Rede von einem charmanten Arschloch oder einem unnahbarem Gentlemen in dem auch ein Badboy schlummert. Ich selbst habe auch noch von keiner gehört, dass sie gerne ein Weichei hätte, der bei Titanic schneller heult als sie selbst. Aber es geht dabei immer um Extreme. Entweder ist der Mann ein Badboy und bietet ihr Paroli oder er ist was..? Raus? Raus, weil er sonst Weichei ist. Hhhhmmm. Da stellt sich doch die Frage warum will man jemanden haben, der ein Arschloch ist oder einen Mann, der seine Gefühle nicht zeigt. Doch ist es auch komplett falsch kein unsicheres, in sich zusammenfallendes Weichei an seiner Seite haben zu wollen?

Es ist ganz klar, dass Jäger jagen wollen und bei allem was sich freiwillig erlegen lassen wollen würde, wäre man skeptisch ob etwas mit der Beute nicht stimmt. Das was wir nicht einfach so haben können ist interessant und die Gier ist geweckt. Oft lassen viele von ihrer Beute ab, wenn sie sie einmal zu leicht haben konnten. Manchmal geht es auch nur darum sie zu zähmen um die Machtverhältnisse zu drehen und klarzustellen. Übertragen wir das auf uns Menschen, wir alle kennen das, bedeutet das, was wir unbedingt haben wollten wird uninteressant, sobald wir es erobert haben oder wir haben es und wollen es verändern und so gefügig machen, dass es uns unterlegen ist.

 

"Willst du den Charakter eines Menschen erkennen, so gib ihm Macht."

Abraham Lincoln

 

Natürlich gibt dies nicht jeder zu. Bei Männern und Frauen gibt es unter den Varianten auch klare Unterschiede. Der Mann neigt dazu zu jagen bis er seine Beute sicher hat um sich dann bald nach einer neuen unerreichbaren und unnahbaren Frau umzusehen. Die Frau jagt der Beute eher taktisch klug (naja bis auf harte Stalkerfälle) hinterher um sie schließlich so zu züchtigen, dass sie unter ihrer Fuchtel stehen und sie die Machtposition an sich gerissen haben (manchmal bleibt das aber auch hinter verschlossenen Türen verborgen). Die Frage die sich mir stellt, warum man die Menschen, die jemanden warm und liebevoll behandeln für jeden austauschen, der sie nicht wertschätzt und die Menschen, die ihn dann abfällig behandeln, mit der Liebe überschüttet, die sie überhaupt nicht verdient haben.

Was ist es, was wir nicht ertragen, wenn uns jemand gut behandelt? Was ist es, wonach wir uns sehnen, wenn wir uns immer wieder für Unnahbarkeit und Kälte entscheiden?

 

"Du kannst deine Augen schließen, wenn du etwas nicht sehen willst, aber du kannst nicht dein Herz verschließen, wenn du etwas nicht fühlen willst."

Johnny Depp

 

Nun, zunächst muss man wissen, dass es zu jedem Gefühl, das man erlebt, ein Gegenpol gibt. Erlebt man das eine, kommt unweigerlich das andere hinzu. Dieses Thema ist extrem komplex und nicht in zwei Sätzen erklärt, um es aber kurz zu beschreiben, kann man das an diesem Beispiel ganz gut verstehen. Wenn man jemanden liebt, dann kommt unweigerlich die Angst diesen jemanden zu verlieren. Das eine geht nicht ohne das andere. Wenn man sich dieser Angst nicht stellt, versucht man dieses Gefühl zu verdrängen oder zu kontrollieren, in diesem Fall, den anderen versuchen zu vereinnahmen oder einzusperren, wenn er das Gefühl kontrollieren möchte, oder den anderen für selbstverständlich zu sehen und auszuklammern, dass er uns jemals verlassen könnte, wenn er das Gefühl verdrängt.

Wenn wir also so darüber nachdenken und uns die Frage stellen, warum wir es so schwer ertragen, wenn uns jemand gut behandelt und alles für uns tut, damit wir uns gesehen und geliebt fühlen, dann kommen dort auch die verschiedensten Gefühle, wenn wir das erleben. Am Anfang finden wir die Vorstellung schön, dass es sowas wirklich gibt und sind im siebten Himmel. Doch mit dem Gefühl, dass es so schön ist, kommt auch das Gefühl hoch, wie es bisher war. Wenn der Schmerz darüber kommt, dass dies jetzt die Wahrheit ist und wir es wert sind so liebevoll behandelt zu werden, kommt sehr bald das die Trauer darüber, dass es vorher nie so war. Der Schmerz liegt in der Kindheit und meist sitzt er so tief, das wir darauf gar nicht kommen, haben wir es ja ein halbes Leben lang verdrängt und kannten es nicht anders. Wenn dies die Wahrheit ist, dann hatten weder unsere Eltern recht, wenn sie uns genervt ins Zimmer geschickt haben oder mal wieder ignoriert haben, was wir eigentlich wollen, noch all die anderen nach ihnen, die uns ähnlich behandelt haben.

 

"Seliges Los der Kindheit, deren Wehe noch die stille Nacht des Schlummers in Vergessenheit einwiegt."

Berthold Auerbach

 

Wie sagt man so schön, dass was man kennt, ist das womit man sich am wohlsten fühlt. Wenn wir es gewohnt sind, dass man mit uns bisher nicht so aufrichtig umgegangen ist, fangen wir an daran zu zweifeln, ob derjenige, der uns gut behandelt, schlechte Absichten hat. Daraus entsteht Misstrauen und schon bald ist man ein Wimpernschlag davon entfernt, den anderen schlecht zu behandeln, solange bis er sich einen Fehler erlaubt, vielleicht genauso ausrastet wie Papa damals, was wir ihm dann als Verrat auslegen, um dann sagen zu können, dass wir es gewusst hatten, dass er genauso schlimm ist wie die anderen.

 

"Es hat sich bewährt, an das Gute im Menschen zu glauben, aber sich auf das Schlechte zu verlassen."

Alfred Polgar

 

Das ist bei jedem anders, aber es geht oftmals in diese Richtung. Das ist lediglich ein Beispiel, worüber man es verstehen kann. Jeder hat seine eigene Geschichte und seinen eigenen Schmerz, den er oft nicht sieht oder nicht sehen will.

 

"Ist nicht die Kindheit der verborgene Keim, aus welchem nach und nach der reiche Baum des Lebens mit alle seinen Leiden und Freuden sich auseinanderschlägt?"

Johann Peter Hebel

 

So beantwortet sich auch die zweite Frage die im Raum steht.

Warum entscheiden wir uns für Unnahbarkeit, Kälte und Drama, obwohl wir uns doch eigentlich alle nur nach Liebe sehnen?

Weil es das ist, was wir kennen. Wir suchen uns den Menschen, der in uns die Gefühle auslöst, die wir kennen. So banal und einfach es ist. Ich kann das an einem Beispiel erklären, damit man es versteht. Ich habe eine Freundin, dessen Vater sie verlassen hat, als sie noch ein Kleinkind war. Ihr Vater hat ihr immer gesagt, wie sehr er sie liebt und ist einfach gegangen und nicht wieder gekommen. Sie hat sich in ihrem Leben ausschließlich auf Männer festgefahren, die ihr mit wenigen aber großen Worten schmeichelten und sie wegen Kleinigkeiten über Tage lang versetzen oder sie immer wieder verlassen um wieder zurückzukommen und sie wieder zu verlassen. Solange sie diesen Schmerz nicht erlöst, dass ihr Vater sie allein gelassen hat, wird sie dieses Gefühl immer wieder darüber erleben, weil man dem Schmerz nun mal nicht ausweichen kann. Du wirst immer wieder vom Leben die Möglichkeit bekommen dich damit auseinanderzusetzen.

Erst wenn du nicht mehr Knecht deines Schmerzes bist, wirst du auch andere Menschen anziehen.

 

"Wo viel Gefühl ist, ist auch viel Leid."

Leonardo da Vinci

 

Wie gesagt, das Thema ist sehr komplex und dies war nur ein kleiner Auszug um darüber nachdenken zu können. Um ein weniger tiefes Fazit aus dieser Erklärung zu ziehen, warum wir das wollen was wir nicht haben können, und das was wir haben können, mit Füßen treten, die Wahrheit, so individuell sie auch ist, liegt wahrscheinlich in der Mitte.

Ich denke es ist wichtig und die einzige Basis einer Beziehung, wenn man über seine Gefühle und Gedanken miteinander sprechen kann. Das was vielen Männern, aber auch Frauen als weich ausgelegt wird, halte ich für eine große Stärke und Voraussetzung um überhaupt einen gemeinsamen Weg gehen zu können. Anders ist es wenn jemand nicht stark genug sein möchte, sich seinen Ängsten und Schmerzen zu stellen und deshalb lieber daran leiden will, wegrennt oder über Zorn versucht dies für sich auszuklammern. Das ist und sollte nichts bleiben, womit man den anderen und vor allem diese Beziehung belasten darf.

Ein unnahbarer, desinteressierter Mensch, der stumpf sein Ding durchzieht ist allerdings auch niemand, mit dem man eine glückliche Zukunft planen kann. Das er aber sein Ding macht und vielleicht hier und da wie ein Arschloch wirkt, weil er an sich denkt ist auch nicht komplett falsch, sondern wäre vielmehr für manche genau die Lösung für ihre Probleme. Denn viele Menschen haben sich ihr Leben lang nicht getraut ihr eigenes Ding durchzuziehen, aus Angst, dass die Menschen die er liebt, dann weg sind. Also sehnen wir uns bei einem Badboy doch manchmal auch nach dem, wie wir uns selber nicht trauen zu sein.

 

"Ist frei der Geist, dann fühlt der Körper zart. Der Sturm im Geist raubt meinen Sinnen jegliches Gefühl."

William Shakespeare

 

Ich persönlich denke, dass man die Menschen die man trifft immer als eigene Aufgabe sehen sollte, sich den Dingen zu stellen, die er sie in einem hervorrufen. Nur so kann man wachsen. Nur so ist der andere nicht schuld oder verantwortlich für den eigenen Schmerz. Denn das ist er nie. Ich selbst habe oft den gleichen Typ Mensch in meinem Leben gehabt, bis ich mich getraut habe zu vertrauen, dass es doch noch andere Menschen gab als meine Eltern, die sich nie für mich interessiert hatten. Seitdem hat sich mein Leben komplett geändert und ich bin froh und dankbar, mich dem gestellt zu haben.

In diesem Sinne..

 

"Kinder die man nicht liebt, werden Erwachsene, die nicht lieben."

Pearl S. Buck

 

Kusskuss

 

Eure Doreen