Es ist einfacher unglücklich zu sein mit dem was man kennt als glücklich mit dem, was man sich erst wagen muss kennenzulernen. – Warum wir wegrennen sobald es zu schön wird.

Blog: Meine Welt – meine Gedanken - 29.03.2018
Seit ein wenigen Jahren und einigen wichtigen Begegnungen, die mein Leben mehr als nur verändert haben, beobachte ich Veränderungen und Ansichten, die sich verinnerlicht haben, die rein gar nichts mit dem Menschen zu tun haben, der ich noch vor zwei Jahren war. Vor nicht allzu langer Zeit war ich jemand der sich nach nichts anderem gesehnt hat als glücklich zu sein, geliebt und gesehen zu werden und selbst zu lieben und zu sehen. Damit bin ich wahrscheinlich nicht allein auf der Welt. Es scheint der Wunsch Nummer eins zu sein, den die Menschen anstreben.

Doch nichts ist so schwer wie einfach glücklich zu sein.

Denn nichts ist so einfach wie unglücklich zu sein.

Es ist so simpel.

Wenn man das überhaupt erstmal verstehen kann, dann ist das schon die halbe Miete.

 

"Viele Menschen wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr Menschen wissen nicht, dass sie glücklich sind."

Albert Schweitzer

 

Aber warum ist unglücklich sein leichter als glücklich sein?

Warum ist das was wir eigentlich unbedingt wollen genau das, wozu wir fast gar nicht in der Lage sind?

Warum leben so viele Menschen lieber in unglücklichen Beziehungen, illoyalen Freundschaften, brutalen Familien und undankbaren Berufsverhältnissen als den Sprung ins ungewisse und unbekannte zu wagen, für die Hoffnung auf Glück?

Woran erkennt man, dass man glücklich ist? Und warum tut es erstmal so verdammt weh?

Ich habe festgestellt, dass es ein Muster gibt nach dem viele Menschen handeln, wenn es um zwischenmenschliche Beziehungen geht. Im Prinzip kann man das auf alles wo man sich sehr oft und nah begegnet, übertragen. Am Anfang ist da der Wunsch nach etwas schönem, neuen oder warmen. Nehmen wir das Beispiel einer neuen Liebe. Jeder hat den Wunsch nach einer glücklichen Partnerschaft. Die Vorstellung von jemandem, der einen sieht, liebt, jemand mit dem man alles teilen und eine respektvolle und ehrliche Beziehung führen kann. Jemand der einen ergänzt, mit dem man lachen und Spaß haben, aber auch tiefe und ernste Gespräche führen kann.

Das Problem, warum man genau diesen Menschen an seiner Seite nicht hat, ist, weil man es nicht ertragen könnte. Denn das würde behaupten, dass man glücklich wäre. Man könnte alles schaffen, wenn diese Liebe da wäre.

Doch dieses Gefühl des Glücks würde die riesengroße Trauer hervorrufen, die man bis dorthin ausgeblendet hat. Ein Gefühl kann nur gelebt und genossen werden, wenn der Gegenpol dieses Gefühls gelebt und genossen werden kann. Wer lieben will muss das Gefühl zulassen nicht geliebt zu werden. Wer glücklich sein will muss sich damit lieb haben, dass er sich sein Leben lang unglücklich fühlt. Wer Angst davor hat sich schuldig zu fühlen, muss sich damit lieb haben, für den Rest seines Lebens an allem schuld zu sein.

Es ist nicht so, niemand ist an irgendetwas schuld. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.

Wenn aber jemand der ein Schuldgefühl hat, sich vor diesem Gefühl fürchtet und lieber alles für alle anderen tut um dieses Gefühl nicht zu erleben, der wird niemals frei von dieser Angst sein und viel schlimmer, er wird sich nie wert genug fühlen, etwas einfach tun, erleben oder erfahren dürfen ohne für irgendetwas verantwortlich zu sein.

So ist das auch mit dem Glück. Das Gefühl von Glück ist etwas so reines, schönes, freies und leichtes, etwas das nur wenige Menschen als dauerhaften Zustand seines Lebens beschreiben würden und jemals können.

Denn wer glücklich sein will muss erstmal sein eigenes Unglück verstehen.

Wenn man es verstanden hat muss man es vollkommen zulassen und sich im nächsten Schritt versuchen sich lieb zu haben, wenn es einem damit so schwer geht.

Doch das Schwierige liegt tatsächlich im Verständnis für das eigene Unglück. Sich einzugestehen das man unglücklich ist, ist überhaupt das Schwierigste. Versucht man sich doch tagtäglich die Dinge schön zu reden, zu hoffen oder sich einfach zurecht zu legen, dass es irgendwie gerade so passt. Wie heißt es doch im Volksmund: „Zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig.“ .

Und zur Not ist da ja noch der liebe Gott. Seine Wege sind, wie wir wissen, unergründlich. Alles hat seinen Sinn und wenn es mal schwer wird, werden wir geprüft und wenn wir scheitern, dann weil wir nicht genug geglaubt haben, da ist also doch noch Plan B.

Es ist der nine to five Job, der zwar sicher ist und die Krankenversicherung bezahlt, aber trotzdem unterbezahlt für diese unsympathischen Kollegen, dem inkompetenten Chef, die unmöglichen Aufstiegschancen und die nie ausreichenden Urlaubstage.

Aber wer will schon meckern, in Zeiten wie diesen? Kann man sich, obwohl man mit der Gesamtsituation unzufrieden ist, einreden, dass man sich „glücklich schätzen“ kann, dass man überhaupt einen unbefristeten Arbeitsvertrag hat. Ja gut, die Kunden, Gäste oder Patienten sind zwar oft unfreundlich und anstrengend, aber hey, die sind halt auch nur Menschen und haben´s nicht leicht. Nicht wahr?

Alles Sätze aus dem Leben.

Kommt man dann nach einem 10 Stunden Tag zu seinem oder seiner Liebsten nach Hause, in der Hoffnung auf einen gutgelaunten Partner, der einen ganz warm empfängt und mit einem Lächeln im Gesicht fragt wie es uns geht, ist das auch mehr ein Märchen als die alltägliche Realität. Wenn er wieder nicht aufgeräumt hat und die Kinder weder gegessen haben noch im Bett sind und mal wieder alles an uns hängen bleibt, ist es vorbei mit der Romantik und der Ton wird dementsprechend angepasst.

Aber auch ohne Kinder fühlen sich die meisten Paare gemeinsam einsam.

Angefangen damit, Dinge zu verheimlichen, dem Partner zum Munde reden oder sich selbst bis ins unerkenntliche zu verbiegen, ist es nichts anderes als das Gegenteil von leicht, frei, lebendig und warm. Meist versuchen wir Streit oder „unnötigen“ Diskussionen aus dem Weg zu gehen oder den Partner zu schützen und ziehen uns deshalb zurück und merken nicht, dass wir durch diese Isolation noch viel einsamer werden. Nach emotionalen Schwierigkeiten schwindet auch das Verlangen nach körperlichen Intimitäten, wie Sex oder auch einfachem schmusen.

 

"Die Ehe ist ein Versuch, zu zweit wenigstens halb so glücklich zu werden, wie man allein gewesen ist."

Oskar Wilde

 

Das ist wohl so, wenn man schon länger zusammen ist und geht anderen Pärchen wahrscheinlich genauso. Hoffentlich. Sonst würde auch an diesem Punkt etwas offensichtlich instabiles wirklich bewusst wahrgenommen und nicht mehr erfolgreich weggeredet und verdrängt werden können.

Auch diese Gedanken sind Realität und manchmal ein Thema beim Gespräch mit der besten Freundin.

Es sei denn das man auch dort nur bedingt vertraut und sich nicht traut dazu zustehen, dass es gar nicht mal so gut läuft. Wer kennt nicht diese „Freunde“ die sich eigentlich alles erzählen, außer das, wofür man sich wirklich schämt oder verurteilen würde.

Dinge wie z.B. finanzielle Krisen, Versagensangst, Seitensprünge, Depressionen, Essstörungen oder dass man in den Freund der besten Freundin verknallt ist.

Alles was wirklich wichtig ist, genau den Menschen ausmacht und beschreibt mit all seinen Sorgen, Kanten und Schwächen. Die Essenz.

Wieviel teilen wir von dem mit unseren Mitmenschen, den engsten Freunden oder dem eigenen Partner wirklich?

Wir halten teilweise Dinge selbst vor unseren Familien geheim, für die wir uns sonst rechtfertigen oder wahrscheinlich sogar schlecht fühlen müssten, würden wir darüber reden.

Unzählig viele Familien wissen nicht um Suizidgedanken, angehende Scheidungen oder sogar der sexuellen Orientierung, weil Papa nicht auf Schwule kann und Mutti ihr Kind enterben würde, wüsste sie das ihre Tochter in einer Beziehung zu dritt lebt.

Das ist es was wir alle kennen. Doch nur wenigen ist diese Hölle der Einsamkeit wirklich bewusst. Man kennt ja auch nichts anderes.

Aber ist das Glück? Ist Glück die Definition von ein wenig Frieden und Ruhe in der Welt, aus der wir kommen, die eigentlich nur kalt und einsam ist?

Für diejenigen, die wie ich aus einer Familie kommen, in der neben Kälte, Ignoranz und Hass auch noch körperliche Gewalt allgegenwärtig waren, ist es sehr schwer zu glauben, dass es noch etwas anderes gibt als das. Es läuft ein Schema F, immer und immer wieder. Wir lernen Menschen kennen und warten nur darauf, dass sie uns genauso enttäuschen, wie es die ersten Menschen in unserem Leben getan haben. Wenn sie es nicht von allein tun, dann erzwingen wir dieses Verhalten unbewusst, indem wir uns so verhalten, wie wir es erfahren und gesehen haben. Kalt und einsam, in Form von Wut, Zorn und Ungerechtigkeit, so wie man mit uns umgegangen ist. Egal mit welchem Schema wir aufgewachsen sind, es unterscheidet sich nur in der Vergangenheit der Eltern, denn wenn die es nicht anders erlebt haben und den Teufelskreis versuchen zu durchbrechen, werden wir von Ihnen so erzogen, wie sie es erlebt haben usw. usw. usw. .

Wie also kann man glauben, dass es Glück gibt, wenn man sich diesem Elend wirklich bewusst ist?

Genau dann.

Nämlich nur genau dann.

 

"Alles ist gut. Der Mensch ist unglücklich, weil er nicht weiß, dass er glücklich ist. Nur deshalb. Das ist alles, alles! Wer das erkennt, der wird gleich glücklich sein, sofort im selben Augenblick."

Fjodor Michailowitsch Dostojewski

 

Wenn du weißt was kalt ist, dann weißt du welche Wärme du dir wünschen würdest.

Wenn du weißt, wie es ist, wenn man nicht gesehen wird oder du immer an allem schuld warst oder ignoriert wurdest, weißt du wie unglaublich schön es wäre, würde man sich für dich und deine Ängste interessieren, dich für nichts verantwortlich machen und dich immer mit Respekt behandeln würde.

Jetzt würde man denken, das sei ganz einfach und das wäre zu schön um wahr zu sein. Und letzteres sorgt dafür, dass es fast unmöglich ist, jemanden, der dem nicht vertraut, nicht genau der nächste zu sein, der so ist wie alle anderen. Es ist einfach zu schön um wahr zu sein, dass es jemanden gibt, der eigentlich normal ist und genauso mit einem umgeht, wie es sich eigentlich wirklich gehört. Mit Wärme, Verständnis, Interesse, Respekt und Ehrlichkeit.

Es würde bedeuten, dass alles woran man bisher geglaubt hat nicht wahr ist.

Das die eigenen Eltern, Freunde und Verwandte die Menschen sind, die uns am wenigsten gut behandeln und somit auch überhaupt nicht in ihrem Leben verdient haben.

 

"Die meisten Menschen sind so glücklich, wie sie es sich selbst vorgenommen haben."

Abraham Lincoln

 

Aber wer von uns würde dieses Glück glauben und auf diese Aufrichtigkeit vertrauen ohne skeptisch damit zu rechnen, dass auch hinter dieser Tür lauert, was wir bereits kennen.

Es gibt so unendlich viele Beispiele dafür, wie sehr die meisten lieber in ihrer gewohnten, wenn auch unglücklichen Beziehung, Job oder Verhältnissen zurückgehen, weil ihnen das Glück zu ungeheuer ist.

Frauen die lieber zu ihrem Ex zurück gehen, obwohl er sie mehr als einmal verdroschen hat und dem Neuen einfach nicht vertrauen können, obwohl er sie samt ihrer Unsicherheiten einfach nur vergöttert. Agenturen mit den schlimmsten Arbeitsbedingungen inklusive Mobbing der Angestellten bleibt die leichte und einfachere Entscheidung fürs Leben, als zu kündigen und rauszufinden, was einem wirklich gefällt. Von diesen Beispielen kennen wir selbst einige. Von unseren Bekannten oder von uns selbst.

Es ist gar nicht so einfach glücklich zu sein, zu glauben, das man es sein darf und sich gleichzeitig von allem zu befreien, was es verhindern könnte. Vor allem weiter an das Glück zu glauben, wenn es auch mal schwierig wird, dem anderen mal ein Fehler passiert, es Missverständnisse gibt, die zu Streit führen und einen gemeinsamen Weg finden um für sein Glück trotz dessen zu kämpfen.

Leiden ist einfach. Selbstmitleid ist Stillstand. Aufgeben ist leider doch eine Option.

Glück ist ein Ergebnis vom Streben nach Freiheit. Glück ist auch und Liebe ist frei.

 

Doch um beides muss man kämpfen. Das ist nicht einfach.

Aber es ist es wert.

In diesem Sinne..

 

"Glück ist Liebe, nichts anderes. Wer lieben kann, ist glücklich."

 Hermann Hesse

 

Eure Doreen