Bulimie und Magersucht, meine Wahrheit. – Und warum schweigen alles nur schlimmer macht!

Blog: Meine Welt – meine Gedanken - 19.11.2016
Aus aktuellem Anlass und intensiven Gesprächen, möchte ich diesmal über ein Tabuthema schreiben, dass jeden etwas angeht, auch wenn man nicht direkt betroffen ist. Bulimie und Magersucht, die neben Fettsucht und passiver Bulimie wohl häufigsten Formen der Essstörung, sind gerade unter jungen Frauen so verbreitet wie noch nie und werden trotzdem totgeschwiegen.

Wie man in der aktuellen Presse entnehmen kann, habe ich unter beidem gelitten. Die Magersucht und Bulimie waren tatsächlich mal meine besten Freunde. Wenn die Einsamkeit kommt, holen wir uns Liebe bei unseren Nächsten. Wenn wir uns auch mit Ihnen und manchmal durch sie alleine, nicht gesehen und geliebt fühlen, brauchen wir einen anderen Freund. In meinem Falle diese Formen der Essstörung und die Gelegenheit für mich endlich kontrollieren zu können, was mit mir passiert. Wenn ich schon nicht beeinflussen kann, was mit meinem Herzchen gemacht wird, dann habe ich zumindest etwas, das ich bestimme. Doch das ist nur ein Grund, ein Motiv und hat weniger mit der Ursache zutun. Jeder der unter dieser Krankheit leidet hat seine eigenen Ursachen, die ihn dazu bewegen sich dafür zu entscheiden russisch Roulette mit seinem eigenen Körper zu spielen.

Einsamkeit und das Gefühl unerwünscht zu sein, ist die schlimmste Armut.


Mutter Teresa

   

Doch was kann diese Krankheit hervorrufen? Wir könnten aus der Einsamkeit heraus auch anfangen zu trinken oder Drogen zu nehmen, aber haben uns doch für dieses Ventil entschieden.

Ich glaube der Druck, der besonders zur heutigen Zeit auf den Frauen liegt, was das festgelegte Schönheitsideal entspricht, so groß und kaum zu ertragen ist, dass die Beschäftigung mit dem Essen bzw. Nichtessen und Sport so viel Zeit in Anspruch nehmen, dass sie zwar von der sozialen Welt isolieren und den Alltag sowie Gedanken einnehmen und trotzdem und genau deshalb ein Ersatz für die Einsamkeit werden. Man hat ein Tagesziel. Davor hat man sich allein gefühlt und wusste nicht wie man diese Leere füllen sollte und mit der Krankheit hat man sogar die Möglichkeit auf sich stolz zu sein, weil man abgenommen hat und ohne dass es jemand mitbekommt, hat man sie überholt und sich von den anderen abgehoben. Man gibt Genuss auf und stellt Disziplin, Zwang und Ideal her und ein. Eigentlich behandelt man sich eigentlich aber genau so, wie man für sich selbst empfindet, nämlich mit vollem Selbsthass. Würde man jemand anderen so etwas nie antun, quält man sich und seinen Körper manchmal sogar bis zum Tod.

Magersucht kann der Hunger nach Leben sein, den man sich bewusst nimmt um diese Krankheit am Leben erhalten zu können. Jeglicher Spaß geht verloren, erlebt den Tag durch einen Schleier, weil sich die Gedanken 24 Stunden nur um den Körper, Hungern und Essen drehen, Grundstimmung Traurigkeit. Bulimie kann der Hunger und die Gier aufs Leben sein, den man im Wechsel erlebt. Man ist gierig und isst alles auf was man Hunger hat, manchmal noch mehr, um sich anschließend zu entleeren, weil man zu gierig war, sich schämt und die Konsequenzen mit der Aufnahme dieser ganzen Sünden gar nicht umgehen könnte. Man würde schließlich zunehmen und jeder würde sehen, wie man versagt hätte. Zunehmen heißt versagen, knurrender Magen bedeutet alles richtig gemacht zu haben, sich zu entleeren, heißt sich zu bestrafen und gleichzeitig denkt man eine Lücke im System gefunden zu haben um alles aufnehmen zu können und nicht tragen zu müssen. Warum ich persönlich nie gesehen habe wie dünn ich war, lag an meiner unrealistischen Einstellung zum Körper, einer gestörten Selbstwahrnehmung. Ich hätte auch noch zehn Kilo weniger wiegen können und hätte mich zu dick gefunden. Wenn ich heute Mädchen sehe, in meinem Fitnessstudio, die aus den falschen Gründen trainieren und sich mit ihren runtergehungerten Ärmchen und Beinchen aufs Laufband zwingen, nicht weil sie die Kraft hätten und Spaß daran haben, sondern um auf keinen Fall zuzunehmen, nimmt mich das mit. Ich muss mich zwingen nicht jede einzelne von Ihnen anzusprechen und meine Hilfe anzubieten. Wieso eigentlich nicht, könnte man jetzt sagen.

Nun genau dort liegt das Problem. Sie würden es leugnen. Ich selbst habe alles dafür getan, dass niemand mich für krank hält. Mir war immer wichtig zu betonen, dass ich weiß, dass ich durch den Stress etwas abgenommen habe, aber jetzt schon wieder normal esse. Als die Bulimie dazu kam, konnte ich auch wieder mit meinen Freunden essen gehen oder Partys feiern und Chips futtern, ohne das jemandem auffiel, dass ich mich bis zu vier Mal am Abend übergab. Das waren die schlimmsten Abende, die meine Krankheit auf den Pik brachten und ich meinen Körper an seine Grenzen. Ich war täglich dehydriert, weil ich auch nichts getrunken hatte, davon bekäme man schließlich einen Wasserbauch. Meine Haare wurden immer feiner und fingen an mir auszufallen und wie ich bezweifle, dass ich einen angenehmen Atem hatte. Zudem bin ich in der Woche bis zu 45 Kilometer joggen gegangen, auf leerem Magen und mit schlechtem Gewissen. Ich bin so unglaublich dankbar, dass ich keine Folgeschäden habe und mein Körper sich davon erholen konnte, was ich ihm über Jahre angetan habe. Ich habe ihn vergewaltigt, ich habe ihn viel mehr verachtet. Noch heute erinnere ich mich daran, mich jeden Morgen abzutasten, ob irgendwo ein Gramm dazugekommen sein könnte.

Einsamkeit, verbunden mit einem klaren, heiteren Bewusstsein ist, ich behaupte es, die einzig wahre Schule für einen Geist von edlen Anlagen.

Gottfried Keller

Man kann sich vielleicht vorstellen, was für eine Herausforderung es ist, zuzusehen, wie man zunimmt. Das war damals meine größte Angst. Es war hart zu essen und zu lernen, dass satt sein ein Gefühl ist, das man genießen kann und darf. Es war noch härter, festzustellen, dass Kleidergröße 32/34 nun nicht mehr passt, hatte man sich doch so sehr dafür gequält, so unnormal dünn zu sein, fühlte es sich an, als hätte man versagt, obwohl man sich aus diesem Teufelskreis befreit. Es hat mich einige schlaflose Nächte gekostet, mich dafür zu entscheiden, darüber zu sprechen, wie es mir erging.

Wieso fällt es so jemandem schwer darüber zu sprechen, dass es diese Krankheit in seinem Leben gab oder gibt?

Nun, ich persönlich denke, dass es mehrere Gründe gibt. Zum einen hat man Angst, dass man nun sofort gesund werden müsste, vergleichbar mit einem Alkoholiker, der niemals zugeben möchte, das er süchtig ist. Wenn er einmal dazu stand, wird man ihm von nun an auf die Finger gucken, ihn vielleicht verurteilen, wenn er es wieder nicht geschafft hat, einen Entzug durchzuhalten. So oder so wird man sich dann wahrscheinlich von ihm distanzieren, weil man als Außenstehender nicht weiß wie man damit umgehen kann, falls er es nicht schafft. Das gleiche Gefühl hat man mit einer Essstörung. Man möchte nicht auf die Krankheit reduziert und  runtergebrochen werden und schon gar nicht verurteilt und zu irgendetwas gezwungen werden, zu was man vielleicht noch nicht bereit ist, zu überwinden.

In der Einsamkeit frisst sich der Einsame selbst auf, in der Vielsamkeit fressen ihn die Vielen. Nun wähle.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

Ein anderer Grund ist die Ansicht derer, die diese Krankheit belächeln, unterschätzen oder verurteilen. Viele denken, dass es darum ginge abzunehmen, dünn zu sein und sich schöner zu finden. Das ist genau das fatale, das sie dadurch denken, man sein oberflächlich, weil man sich auf das äußere konzentriert. Ich selbst habe diese Sprüche in meiner eigenen Familie zu hören bekommen. Meine Schwester sagte ich sei oberflächlich, so würden mich meine Freundinnen nicht mögen können, weil ich nur Salat esse, wenn überhaupt. Mein Vater hat bis heute keine Ahnung was diese Krankheit bedeutet, ganz einfach, weil er nie gefragt hat. Meine Mutter hat sich weder damals noch heute dafür interessiert. Niemand. Diese Einsamkeit, wenn sich niemand die Mühe macht zu hinterfragen was da eigentlich mit mir passiert, wie es mir wirklich gehen muss, wenn ich mich und meinen Körper so sehr quält, ist einer der ausschlaggebenden Gründe gewesen, mein Tool zu bauen. „Doreen4you“ ist meine Möglichkeit für jene aufrichtig da zu sein, die sich so einsam fühlen, wie ich es tat. Vor allem sind es oft die Eltern, die weggucken um dem Problem aus dem Weg zu gehen. Der Vater, der denkt, es sei nur eine Modeerscheinung und die Mutter, die hofft, dass sich das bald von allein in Luft auflöst. Die Freunde, die sich abwenden, weil sie sich selbst neben dir immer dicker und unsicherer fühlen und sich eher von dir distanzieren, anstatt zu fragen, wie es dir geht.

Es ist kein Trend, maximal durch einen gelenkt. Es ist keine Lapalie oder eine antrainierte Gewohnheit, die man sich genauso schnell wieder abgewöhnen kann. Es ist keine oberflächliche Einstellung zum Leben und zum Körper.

Genau das Gegenteil passiert. Man gönnt seinem Körper nichts. Und vor allem nichts Gutes. Es geht darum seinen Hunger und damit seine Energieaufnahme zu ignorieren. Man riskiert ausgefallene Zähne für Size Zero. Das hat nichts damit zu tun, dass man sich unglaublich toll findet, ganz im Gegenteil. Es geht um den blanken Selbsthass. Man würgt, weint, ist verzweifelt, würgt wieder, bis das Gesicht so anschwillt, dass man Angst hat, jemand könnte merken, was man sich da 2-6 Mal am Tag antut. Jeder Blick in den Spiegel ist der Beweis. Man hat sich nicht lieb, man findet sich nicht schön, man sieht nur was nicht da ist. Man sieht Fett, Hässlichkeit, Versagen, Hass und vor allem die Angst niemals gesehen und verstanden zu werden. Das einzige was davon wirklich real ist, ist die Einsamkeit. Alles andere findet nur im eigenen Kopf statt.

Das Meer ist salzig wie die Träne, die Träne ist salzig wie das Meer. Das Meer und die Träne sind sich durch die Einsamkeit verwandt. Das Meer hat sie schon, die Träne sucht sie.

Karfl Ferdinand Gutzkow

Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Der eine hat eine Essstörung, der andere ein Drogenproblem und jemand anderes hat Angst sich mit etwas anderem auseinanderzusetzen. Meistens enden allerdings alle dieser Sorgen nur aus einem Grund in einen Teufelskreis. Es ist die brutale, reale und schmerzende Einsamkeit. Was auch immer das Ventil ist, es ist dort aus einem persönlichen Grund, damit berechtigt und da um gesehen und nicht ignoriert zu werden, vor allem nicht von Menschen, die einem angeblich so nahe stehen.

Es ist mir ein persönliches Anliegen so ausführlich und ehrlich zu erzählen, wie es sich anfühlt, wenn man sich an etwas klammert um dem eigentlichen Schmerz, der Einsamkeit, auszuweichen. Es sprechen zu wenig Menschen über ein Thema, das alleine in Deutschland jedes 4. Mädchen betrifft. Wenn wir Fettleibigkeit und passive Bulimie miteinbeziehen, können wir von jedem 2. Mädchen zwischen 11 und 19 Jahren ausgehen. Dafür dass es so viele Menschen betrifft, wird doch zu wenig darüber gesprochen und Aufklärung betrieben.

Eine Essstörung ist ein Nebenspielplatz für das Ignorieren, dass man sich nicht akzeptiert wie man ist und seinen Wert schätzt. Egal welcher Art und egal wie man am Ende des Tages aussieht, man lehnt sich ab. Auch ohne zu viel oder zu wenig auf den Rippen, es ändert sich niemals. Mit 45 Kilo findet man sich nicht schön, mit 55 Kilo auch nicht, mit 35Kilo oder 135Kilo ändert sich auch nichts an der Tatsache das man sich nicht liebt und viel mehr verachtet. Nur durch eigenes Interesse an sich selbst kann man aus dieser Krankheit raus und an Heilung gewinnen.

Dieser Artikel ist so bedeutungsvoll für mich. Ich hoffe das ich jemanden ermutigen kann, sich ebenfalls zu „outen“ und nach vorne zu gehen, um der aktuellen und folgenden Generation eine aufklärende, ehrliche Wahrheit zu erzählen und vorzubeugen oder sich rechtzeitig Hilfe zu suchen oder überhaupt anzunehmen. Ich wünschte ich könnte für jeden einzelnen da sein und zeigen, wie sehr ich diese Einsamkeit nachempfinden kann. Ich freue mich über jeden Brief, jeden Post, jeden Mail – und Telefonverkehr über „Doreen4you“. Das Vertrauen, dass man mir entgegenbringt, ist für mich außerordentlich wertvoll und genau das, warum ich das alles tue.

 

In diesem Sinne..

 

Ich habe begonnen, mir selbst ein Freund zu sein. Damit ist schon viel gewonnen, denn man kann dann nie mehr einsam sein.

Lucius Annaeus Seneca

 

 

Eure Doreen